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Florian 29.11.2006 23:12

Das meiste ist in dieser Diskussion bereits von beiden Lagern gesagt worden, daher wolle ich noch einmal zwei weitere Punkte in der Dikussion vertiefen die heute gefallen sind, als ich mich mit jemandem über dieses Thema unterhalten habe. Einen davon hatte ich in der Ursprungsdiskusson bereits kurz angeführt, der andere wurde auch bereits kurz angesprochen.



Mit einer Ausbildung habe ich wenigstens bereits etwas in der Hand

Ja und Nein. Wahr ist mit Sicherheit, dass im Falle eines Studiumabbruches eine abgeschlossene Ausbildung vorliegt, mit der man sich einen Beruf suchen könnte.
Weniger Erfolg dürfte man vermutlich haben, wenn man nach dem Studium glaubt in den Ausbildungsberuf zurückkehren zu können. Ich fürchte, dass man in den meisten Betrieben mit einem Dipl.-"sonstwas" nicht mehr als angestellt wird: als einfacher Mitarbeiter ist man überqualifiziert und als z.B. Polier fehlt einem die Berufserfahrung... (Das gilt natürlich nicht nur für Bauberufe.)


Mangel an Ausbildungsplätzen

Dem einzelnen dürfte dieses Argument reichlich egal sein, irgendwo muss jeder sehen wo er bleibt, gesellschaftlich könnte es aber doch eine Frage sein, ob es gut ist, wenn jemand, der sich bereits sicher ist, dass er nicht in dem gelernten Beruf bleiben wird und stattdessen später studieren wird einen Ausbildungsplatz besetzt.
Zum einen fehlt dieser Ausbildungsplatz jemandem, der kein Abitur hat und deshalb darauf angewiesen ist eine Ausbildung zu machen, zum anderen fehlt es später möglicherweise an gut ausgebildeten Leuten.

Zweiteres kommt wie ein Bumerang auf den Architekten zurück.
Viele Handwerksbetriebe beklagen z.Zt. dass es an qualifizierten Mitarbeitern mangelt, d.h. umso weniger tatsächlich für die Ausübung des Berufes ausgebildet werden (weil sie nämlich später studieren), desto geringer ist die Auswahl und umso weniger gute Leute wird es geben.
Und der Bumerangeffekt ist, dass das der Architekt (der selber eine Ausbildung absolviert hat) sich über die schlechte Arbeit auf dem Bau beschwert...

Ich weiß nicht ob sich diese Argumentation, bzw. dieser Gedankengang mit Fakten untermauern lässt, es schein mir aber doch recht schlüssig - auch wenn es den einzelnen vermutlich nicht interessiert.

Archimedes 29.11.2006 23:30

Zitat:

Originally posted by Florian

Mit einer Ausbildung habe ich wenigstens bereits etwas in der Hand

....

Weniger Erfolg dürfte man vermutlich haben, wenn man nach dem Studium glaubt in den Ausbildungsberuf zurückkehren zu können. Ich fürchte, dass man in den meisten Betrieben mit einem Dipl.-"sonstwas" nicht mehr als angestellt wird: als einfacher Mitarbeiter ist man überqualifiziert und als z.B. Polier fehlt einem die Berufserfahrung... (Das gilt natürlich nicht nur für Bauberufe.)

Na, daß sehe ich nicht ganz so.

Es gibt ein Überangebot an Architekten. Ob man nun einen Bauzeichner oder einen Dipl.-Sonstwas einstellt ist im Prinzip egal, denn man bekommt beide fürs gleiche weinige Geld momentan. Der Titel interessiert kaum, wenn es nicht um typische Architektenarbeiten wie Entwerfen geht. Wer von den Beiden besser mit dem PC umgehen kann und mehr von der Büroabwicklung versteht bekommt den Job und die 800-1500 €/brutto Monat. Titel hin oder her.

Auch wenn man mich steinigt: Manche Büros stellen mit Sicherheit lieber einen Bauzeichner mit 10 Jahren Berufserfahrung ein, als einen frischgebackenen Architekturabsolventen. Es kommt halt drauf an, wofür man die Leute einsetzen möchte.




Zitat:

Originally posted by Florian

Mangel an Ausbildungsplätzen

...
Zweiteres kommt wie ein Bumerang auf den Architekten zurück.
Viele Handwerksbetriebe beklagen z.Zt. dass es an qualifizierten Mitarbeitern mangelt, d.h. umso weniger tatsächlich für die Ausübung des Berufes ausgebildet werden (weil sie nämlich später studieren), desto geringer ist die Auswahl und umso weniger gute Leute wird es geben.
Und der Bumerangeffekt ist, dass das der Architekt (der selber eine Ausbildung absolviert hat) sich über die schlechte Arbeit auf dem Bau beschwert...

Ich weiß nicht ob sich diese Argumentation, bzw. dieser Gedankengang mit Fakten untermauern lässt, es schein mir aber doch recht schlüssig - auch wenn es den einzelnen vermutlich nicht interessiert.


Wenn Du Dir den von mir im ersten Beitrag geposteten Link "IHK Rheinhessen" anschaust, dann stellt Du fest, daß in dieser Region nur 29 Betriebe von 68 Betrieben, die einen Bauzeichner ausbilden dürfen, auch tatsächlich einen in der Ausbildung haben.
Das liegt, nach meiner Meinung nicht daran, daß die anderen Betriebe alle nicht ausbilden wollen, sondern das sie keine guten Leute finden, die diesen Job erlernen wollen.
Ich denke es gibt zuwenige Leute, die diesen Beruf erlernen wollen, weil die Zukunftsaussichten zu schlecht sind, weil der Markt von "günstigen" Architekten überschwemmt ist, die die Bauzeichner aus ihrer klassischen Rolle verdrängen.
Da heißt, wenn man die Absolventenzahlen in den nächsten Jahren nicht so reduziert bekommt, daß auch wieder Platz für "klassische" Bauzeicher auf dem Arbeitsmarkt ist, dann kann man die Ausbildung als Bauzeichner wohl tatsächlich nur noch als Vorbereitung auf das Architekturstudium bzw. Architektenberuf oder eine andere weiterführende Ausbildung anstreben.

noone 30.11.2006 00:07

Machen wir uns doch nichts vor: Bauzeichner ist eine aussterbende Berufsbranche. Die zwei letzten Lehrlinge im Büro sagten, daß fast niemand als Bauzeichner arbeit gefunden hat, und die jetzige wird wohl Sport studieren gehen. Auf dem Arbeitsamt hört man auch dasselbe.

Wenn man Architekten zum Bauzeichnergehalt einstellen kann, ist es ja wohl auch kein Wunder........

timovic 30.11.2006 12:54

Zitat:

Originally posted by Archimedes


Auch wenn man mich steinigt: Manche Büros stellen mit Sicherheit lieber einen Bauzeichner mit 10 Jahren Berufserfahrung ein, als einen frischgebackenen Architekturabsolventen. Es kommt halt drauf an, wofür man die Leute einsetzen möchte.


Meine Erfahrung in 5 Büros unterschiedlichster Größe (1-80 Mann) sagt mir, dass keines davon einen Bauzeichner einstellen wird oder gar hat.
In Zeiten von Prozessoptimierung und Kostendruck ist jede Hierarchiestufe weniger ein Vorteil.

Archimedes 30.11.2006 13:24

Wie wir schon festgestellt haben sind die "klassischen" Bauzeichner am Aussterben, deswegen auch immer seltener anzutreffen.
Ich hatte den Bauzeichner (mit 10 jahren Berufserfahrung) auch nicht als Untergebenen des Architekten gesehen, sondern als Mitarbeiter auf gleicher Augenhöhe. Eventuell bei festgelegten Aufgabenbereichen, wie beispielsweise Ausschreibung und Abrechnung. Da bringen die 10 Jahre Erfahrung mehr als das Studium.

Hast Du bei dem 80-Mann-Büro wirklich den Lebenslauf von Jedem gekannt?;)

timovic 05.12.2006 17:28

Natürlich nicht. Ich meinte auch nur, dass dort niemand als BZ angestellt ist. Daher würde ich pers. eher eine Ausbildung im Handwerk (Zimmerer, Schreiner, Schlosser etc.) - falls man denn wirklich möchte - vorziehen.
Einfach nur, damit man mal die andere Seite des Baualltags sieht.
Wobei ich da Florians Argument mit den "weggenommenen" Ausbildungsplätzen teile. Die teils desolate Ausbildungssituation liegt durchaus auch daran, dass immer häufiger Abiturienten eine Ausbildung vor dem Studium machen. Und ob man für eine Ausbildung zum Bankkaufmann (ist ja ein klassischer Fall) nun wirklich Abitur braucht wage ich ganz klar zu bezweifeln. Trotzdem haben Realschüler kaum noch eine Chance auf einen solchen Ausbildungsplatz.

Archimedes 05.12.2006 17:57

Zitat:

Originally posted by timovic

Einfach nur, damit man mal die andere Seite des Baualltags sieht.
Wobei ich da Florians Argument mit den "weggenommenen" Ausbildungsplätzen teile. .

An dieser Stelle sollte man aber auch die "weggenommen" Studienplätze nennen, die oft von Abiturienten besetzt werden, die mal einfach drauflos studieren, ohne wirklich zu wissen ob das Fach sich für sie eignet und dann nach 1,2,3...Semestern den Studiengang wechseln, vielleicht sogar mehrmals.
Für die Leute die dieses Fach aber ernsthaft studieren wollten und wegen solchen "unentschlossenen Rumprobierern" keinen Studienplatz bekommen haben, heisst es erstmal Pech gehabt!

Ich glaube, Lehrplätze gibts dann doch etwas reichlicher, denn oft suchen Betriebe händeringend, finden aber keine geeigneten und motivierten Leute.


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